Marathon de La Rochelle von Théophile Haas

von Christian Berger

Am 30.11.2014 nahm ich, Théophile Haas, am Marathon de La Rochelle teil. Ich mache derzeit ein Auslandssemester in Bordeaux und hatte mich seit Anfang September darauf vorbereitet. Hier meine Erlebnisse.

Zu allererst muss ich hinten anfangen, denn der Heimweg von der Bushaltestelle zu mir (ca. 1km) am Sonntagabend nach 3 Stunden Zug-/Busfahrt war wohl die größte Herausforderung. Die Beine waren total zerstört, manchmal kam ich kaum vorwärts und bin mal rückwärts, mal seitwärts gelaufen, um nur irgendwie schneller ins warme wohlige Heim zu kommen. Aber nun der Reihe nach.

Théophile Haas

Nach der optimalen Vorbereitung und den wirklich überraschenden Ergebnissen (10km in 38:22, dann 10km Trail in 37:40, dann HM in 1:18.33) war ich sehr zuversichtlich und dachte mir: „Naja, wenn ich den halben Marathon in 1:18 schaffe, müsste es gehen wenn ich das selbe zweimal aber eben etwas langsamer laufe“. So hab ich mir dann als neues Ziel für die Endzeit (Anfang September hatte ich mir als Ziel 2:48 vorgenommen) 2:45 gesetzt, also quasi 2x Halbmarathon in ~1:22. Da ich dann am Sonntagmorgen vor Motivation fast geplatzt bin, hat es sich nur richtig angefühlt, den Beinen "freien Lauf zu lassen". Also mit einer Pace von 3:46min/km los, und das während der ganzen ersten Hälfte, die in ca. 1:20 geschafft war. Da ich bis dahin kaum etwas getrunken/gegessen hatte - da ich nicht anhalten wollte und im Rennen kaum etwas Essbares greifbar war - habe ich mich bei km 21 gezwungen, doch kurz zwei Bananenstücke zu greifen, und dann ist es passiert: ein kaum spürbares aber doch kurzes Zucken im linken Oberschenkel, kein gutes Zeichen. Ich wusste dass ich sofort langsamer machen musste um weitere Krämpfe zu vermeiden. Also ca. 5km weiter in 3:52min/km, dann das nächste Zucken im rechten Oberschenkel. Also hab ich mich bis km 30 bei ca. 4:15min/km gehalten um doch irgendwie vorwärts zu kommen.

Dann kam das große Loch:

Ich war total unterzuckert, hatte bis dahin nur etwas Wasser und ein bißchen Isogetränk getrunken und eben zwei kleine Bananenstücke gegessen. Körperlich war ich dann sowieso schon total fertig aber viel schlimmer war die mentale Schwäche: Also habe ich mich irgendwie bis km 35 durchgekämpft wo ich dann zum ersten Mal angehalten habe - ca. 2 Minuten (!) - und jeweils 5 Becher Isogetränk und Cola einfach in mich reingeschüttet, Bananen in mich reingestopft und ein paar Rosinen gegessen habe. Ich war schon ordentlich fertig und habe gedacht, dass ich nicht mehr ins Ziel komme, und 7km zu gehen hatte ich auch keine Lust... Ich war also echt am Tiefpunkt, aber der Zucker hat gleich seine Wirkung gezeigt. Also bin ich etwas humpelnd wieder losgelaufen, alle paar Meter musste ich mal anhalten, mal gehen, mal kurz dehnen. Ich hatte Krämpfe an allen Stellen: Oberschenkel (alle Seiten), Hintern, Waden, Fußgelenk (!) und sogar in den Zehen... manchmal bin ich wie mit steifen Holzbeinen gelaufen, um alles so wenig wie möglich zu bewegen. Als ich mich dann mal am Rücken gekratzt habe haben sogar meine Schultern und Arme gekrampft. Ab da war es dann nur noch witzig. Ich konnte es völlig genießen und bin dann gemütlich unter immer neuen Krampfanfällen vorangeschritten. 1km vor dem Ziel hat mich dann die 3-Stunden-Gruppe überholt, ich habe kurz gezögert, wurde dann aber von meinen Beinen sofort wieder in die Realität zurückgeholt. Also ganz gemütlich mit einem Lächeln ins Ziel, wo ich eine göttliche 15 min Massage genossen habe. Endzeit: 3:01.33

So, was bleibt mir in Erinnerung?

Negatives: Obwohl die Strecke durch die schöne Hafenstadt sehr abwechslungsreich war, freue ich mich doch unglaublich darüber, bald wieder im Schwarzwald und auf natürlichen Untergründen zu laufen. Die immer gleichen Bewegungen der Beine und die nicht notwendige Konzentration auf die Bodenbeschaffenheit haben das Ganze manchmal fast etwas langweilig gemacht. Im Ziel habe ich dann zum Teil sehr traurige Gestalten gesehen: kollabiert, in ärztlicher Betreuung…sehr traurig das anzusehen.

Positives: Die super Stimmung! Bei km 10 bzw. 30 waren auf ca. einem Kilometer Länge auf beiden Seiten jeweils 5-6 Reihen von Zuschauern die alle wie wild geklatscht, gerufen und applaudiert haben. Das hat mich sowas von gefreut und gepusht. Im Ziel und die letzten 1,5 km davor genauso, das war echt super... Auch wenn der ganze Rummel dann schnell etwas anstrengend wurde.

Und wie bin ich mit der Endzeit von 3:01.33 umgegangen, nachdem das Ziel 2:45 war?

Naja bei km 25 war es schon etwas ernüchternd, mir einzugestehen, dass ich viel zu schnell los bin. Im anschließenden Tiefpunkt konnte ich gar nicht darüber nachdenken weil ich so fertig war...und ab meiner „Wiedergeburt“ nach der Pause bei km 35 hab ich es nur noch genossen. Dieser Lauf hatte alles! Ich hatte eine überragende erste Hälfte (wenn auch sehr teuer bezahlte), bei der ich in aller Leichtigkeit dahin geflogen bin (naja wer hoch fliegt der fällt eben tief), ich hatte das tiefste Tief jemals und eben gerade dadurch danach das größte Hoch das ich jemals hatte. Ich hatte Krämpfe an allen Stellen, wodurch ich meinen Körper wie nie zuvor wahrgenommen habe. Und (sagt sich zwar jetzt einfach) ich glaube dass ich mehr Spaß und Erfüllung hatte, als wenn ich meine geplante Zeit durchgezogen hätte.

Ob ich den Marathon in 2:48 geschafft hätte, wenn ich durchgehend in 4:00min/km gelaufen wäre?

Keine Ahnung, aber ich hätte mich sehr „gebremst“ gefühlt und das Gefühl gehabt, weit unter meinen Möglichkeiten zu laufen. Naja…

Um das Ganze noch kritisch zu analysieren: Insgesamt war die Vorbereitung natürlich viel zu wenig umfangreich (im Schnitt 75 km pro Woche). Ich bin viel zu schnell angelaufen und habe bei der Ernährung quasi alles falsch, da nichts gemacht. Allerdings habe ich dadurch eben unglaubliche Sachen erlebt, was mir in Zukunft hoffentlich vieles bringen (und ersparen) wird und an sich eigentlich schon die Mühe wert war. Außerdem habe ich dennoch unglaubliche Fortschritte gemacht, habe in den 10 Vorbereitungswochen unglaublich mehr Motivation fürs Laufen bekommen und bin von Verletzungen verschont geblieben.

Viele Grüße

Théophile

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